Blick von Aussen

Juli 18, 2012 in Analyse von Team

  • Blick von Aussen

Blick von Aussen auf BRAUNAU am INN
Die Prozessbegleiter-/innen haben ihre Sicht auf Braunau aus ihrer intensiven Befassung mit der Stadt, den Dörfern, der Statistik und den Menschen von Braunau in Texten und Folien festgehalten.

Eine pointierte Auswahl wurde am 9. Juli im 2. Kernteam-Workshop präsentiert. Die Präsentation, einen Text über die Eindrücke und Analyse durch die Prozessbegleiter-Innen finden Sie Hier. Zudem gibt auch es noch weitere Materialien, die den Blick ‚über den Tellerrand‘ schärfen sollen.

Analyse Materialien
Präsentation Kernteam

die Stadt, die Dörfer, die Entwicklung, die Potentiale der Nachhaltigkeit
Lagegunst – nicht Randlage
Zwischen München und Linz –zwischen Salzburg und Passau als intermediäre Region gelegen.
Aber: der Erreichbarkeitskomfort hat noch beträchtliches Optimierungspotential
Bahn- schnelle und komfortable Bahn fehlt
Straße / Autobahn fehlt
Ein paar Blitzlichter von der Begehung – subjektive, einer Salzburger Planerin:
Noch nie das Gefühl von „so viel Platz haben“ gehabt, wie in Braunau: in allen Siedlungen, in der Altstadt, in der Kulturlandschaft, am Ufer des Inns: großzügige Gärten, in der Regel ausreichende Straßenbreiten, überall genug Stellplätze – auch in der Altstadt. Das Freizeitzentrum / Schwimmbad – so weitläufig und großzügig.
Auch die Grundstückspreise der angebotenen Liegenschaften, Häuser, Wohnungen sind vergleichsweise günstig. Es gibt mehr Angebot, als Nachfrage (Gastronomie, Geschäftslokale):.

Das Bild von Braunau – die Potentiale:
Die Eindrücke vom ersten Tag haben sich bestätigt

Der Inn
Die Brücken
Die Altstadt
Die Stadtteile, Dörfer, Weiler
Die Menschen in Ihrer Vielfalt
Die Industrie
Die Schul- und Bildungsstadt
Die Märkte und die Geschäfte
Die Kultur und die Veranstaltungen
Die Häuser und die Gärten
Die Freizeitangebote
Die Bezirks-Stadt
Die Region(en)
Die Kulturlandschaft und die Bauern
Sichtbare und unsichtbare Infrastruktur

Die Dörfer und Stadtteile
Stadt und Land verschränkt – man ist soo schnell in der Landschaft / im Bauernland (von jedem Ort in der Stadt) – Natur und Kulturland/Bauernland mitten in der Stadt bzw. die Stadt und das Land – Hand in Hand (Krankenhaus – Talweg). es gibt überall Lauf-, Rad- und Wanderstrecken für die Aktiven.

Sehr liebevoll bepflanzte und gepflegte Bänke an Wegkreuzungen – wenn es welche gibt.
Der Inn ist sehr unzugänglich, da gibt es noch Potentiale. Und Freizeit und
Gärten als das Bindeglied – sehr alte Gärten mit prächtigen Rosen, tw. auch in Einfamilienhaus und Neubausiedlungen, wie Ranshofen, Laab, Höft, neben den neumodernen „Koniferengärten“. Einfamilienhaus-Teppich, teilweise geschlossene Bebauung und sehr markanter Stadtteilcharakter / Dorfcharakter: Haselbach um die Kirche Maria Königin, Laab, Höft, Neue Heimat,
Auffallend viele Mühlen – teilwiese schön saniert als Wohnhäuser adaptiert. Markante Baukörper (z.B. Voltigieranlage, z.B. Haselbacher Gehweg)
Gewerbe und Industrie – überall, tw. „alte Industrie“, tw. leerstehend und vor der Umnutzung (zwischen Bahngeleisen und Laab/Höft).
Industriegleise – sehr gute Infrastruktur für Bahnanschluss.

Die Menschen in ihrer Vielfalt – das wichtigste Potential von Braunau
Mädchen und Buben, Frauen und Männer in Ausbildung, im Erwerbsleben, in Pension, in Politik und Vereinsleben aktiv, in der Familienarbeit: Menschen, die hier wohnen und leben, Nachbarschaft herstellen, Familie und Freundschaften gestalten, hier zur Schule gehen, hier arbeiten, hier in Krankenhäusern sind, hier Freund-/innen treffen, hier ihre Freizeit verbringen, hier einkaufen, flanieren, Eis essen, Bier trinken, Behördenwege erledigen, Ärzte aufsucheb, hier Urlaub machen, hier Gärten gestalten, hier Putzen, etwas reparieren, hier durchfahren (mit dem Auto, mit dem Zug, mit dem Reisebus, mit dem Fahrrad).
Braunau hat mehr Arbeitsplätze, als Erwerbstätige: es pendeln viele ein.

Braunau ist DER Schulstandort für weiterführende Schulen im Bezirk: es pendeln viele ein
* d.h. die Tagesbevölkerung ist viel größer, als die Zahl der Bewohner/-Innen: das gilt vor allem für die Altstadt, aber auch die Industriestandorte.
* in Wohngebieten, wie Neue-Heimat, Braunau Süd, Laab/Höft ist es umgekehrt: Tagsüber bleiben wenige Menschen im Stadtteil, weil sie lernen, arbeiten, Besorgungen machen.

Wie die Menschen IHRE Lebensträume verwirklichen können, wie sie zusammenleben, was sie von Braunau halten, wie sie ihre eigene Zukunft und die der Stadt gestalten, was sie brauchen und was sie selbst mittragen an sozialen /unbezahlten Leistungen für andere, wie sie aufwachsen und alt werden. Wie sie ihren Alltag organisieren und wie sie dabei von der Stadt, von den Nachbarn, von der Familie (‚Taxi Mama’ – Omas und Opas), von Mobilitätsanbietern und von Vereinen unterstützt werden: davon hängt ihre Lebensqualität, das bestimmte Zusammengehörigkeitsgefühl und das Besondere „eine Braunauerin zu sein“ / „ein Braunauer zu sein“ ab.
AGENDA 21 kann nur Erfolg haben, wenn die Menschen gewonnen werden, für ihr Braunau etwas zu tun, mitzumachen.
Ein Blick auf die Geschlechts- Alters-, Bildungs- Familien- und Haushaltsstruktur ist daher von großer Bedeutung: wer und wofür machen wir das Agenda21-Leitbild? Mit welchen Lebensphasen (Kindheit, Berufswahl, Familiengründung, Scheidung, Berufswechsel, Zuwanderung, Pensionsantritt, Viertes Lebensalter, Lebensabend etc.) und mit welchen Lebensstilen, Bewohner-/innengruppen will Braunau nachhaltig werden?

Stichwort demographischer Wandel
Die Veränderungen und der genaue Blick auf die Vielfalt der Menschen stehen im Mittelpunkt des demographischen Wandels: er ist Teil umfassenden Wandels, der in Braunau, im Innviertel, in Österreich, Europa ja weltweit vor sich geht. Demographischer Wandel begleitet uns seit es Menschen gibt: besonders gravierend waren die Umwälzungen im 19. Jahrhundert, als die Industrialisierung begann, die Landflucht groß war, die Migration (Wirtschatsflüchtlinge – in die USA, in die Städte, vom Süden in den Norden…) und die Säuglingssterblichkeit noch hoch war.
Wir verstehen den demographischen Wandel als Oberbegriff
1 für die absehebare demographische Entwicklung (Geburtenrückkgang, spätere Elternschaft, Langlebigkeit, Migration)
2 Sozialer Wandel, der durch aktuelle Tendenzen geprägt ist wie
o Die Emanzipation der Frauen in Beruf, öffetlichem Leben, Familie
o Die Ausdifferenzierung der Lebensformen (geänderte Familienbilder, Lebensstile)
o Individualisierungs- und Migrationsprozesse (soziale, räumliche berufliche Mobilität)
o Polarisierung der Gesellschaft – verschärft von Krisen
o Veränderung der Arbeitswelten (es gibt keine Hilfsjobs mehr)
o Neue Informations- und Kommunikationstechnologien
(Quelle: Universität Hannover + Zweckverband Hannover-Braunschweig 2005)

Menschen vor 50 – 60 Jahren und Menschen heute
Nach dem zweiten Weltkrieg wohnten einige Tausend Flüchtlnge aus dem Balkan und Osteuropa in Braunau und Ranshofen, 40.000 waren es lt. Homepage www.braunau.at im Innviertel. Der Ausländer/-innenanteil war vermutlich deutlich höher, als er heute ist: 2001 hatten 11,6% aller Hauptwohnsitze in der Stadtgemeinde ausländische Staatsbürgerschaft: diese Prozentsätze sind in den Industriegemeinden des Innviertels ähnlich. In Braunau gibt es zahlreiche Neubürger/-Innen, die ausländische Wurzeln haben: Donauschwaben, Südtiroler-/innen, Menschen aus Ex-Jugoslawien sind die Bewohner/-Innen von heute.
Die Familien- und Alterssstruktur hat sich in den letzten 50 Jahren enorm verändert und wird sich auch bis 2050 noch ändern. 1978 waren die Mütter bei der Geburt ihres ersten Kindes 27 Jahre alt, bis 2030 wird dieses Durchschnittsalter auf 30 angestiegen sein. (NB: Wohnbauförderungssysteme reagieren bereits darauf, indem sie die Altersgrenze für wachsende Familien auf 45 angehoben haben).
Die Arbeitskräfte für die Industrie hat vor 50 Jahren ausschließlich „Hand-Arbeiter/-innen“ angeworben, heute gibt es fast keine ungelernten/Hilfsarbeiterjobs mehr in der Industrie.
Der auffallend hohe Anteil an Personen mit Pflichtschulabschluss und der gleichzeitig geringe Anteil an Hochschulabsolvent-/innen (Durchschnittswert) in der Gemeinde Braunau im Bezirks dürfte auch noch ein Erbe dieser Beschäftigten- und Bevölkerungsstruktur sein.

Menschen in Zukunft – Prognosen 2030 und 2050
Die Lebenserwartung der Menschen steigt weiter an, die Babyboomer-Generation der 60er Jahre (geburtenstarke Jahrgänge) wird in den nächsten Jahren ins Pensionsalter kommen. Ein Kind das in 50 Jahren geboren wird hat die Chance zwischen 90 und 100 Jahre alt zu werden, die Lebenserwartung der Frauen ist dabei immer noch höher, als die der Männer.
Der Anteil der Kinder und Jugendlichen unter 20 halbiert sich in etwa, hingegen verdoppelt sich der Anteil der über 60-jährigen: Besonders stark steigt der Anteil der Hochbetagten an der Bevölkerung (über 80-jährige).

Gleichzeitig ist jedoch mit dem sogenannten „Downageing“ wichtig, das trotz „numerischer Überalterung“ die Zahl der Gebrechlichen und Pflegebedürftigen – mit Ausnahme der Babyboomer-Geburtenstarken Jahrgänge – nicht steigen wird: dies Phase wird einfach erst in einem höhern Alter erreicht: das Lebensalter 60 entspricht der Gesundheit und Leistungsfähigkeit einer 40 jährigen vor 50 Jahren!
Braunau wird langfristig schwach wachsen und gehört dabei zu den Regionen mit günstiger Prognose: große Teile von Kärntern, der Steiermark, der Süden von Salzburg und das Waldviertel werden bis 2050 stark an Bevölkerung verlieren: denn bis 2050 ist Österreichweit nur in den Landeshauptstädten und Wien ein nennenswertes Wachstum (vor allem bedingt durch Zuwanderung) zu erwarten (ÖROK-Prognose).

Nachhaltig Leben in Braunau: früher – heute-2050?
Ein Blick auf die Lebensalltage und die alltagstauglichkeit der Stadtgemeinde und der Dörfer (und deren Infrastrukturen) soll den Blick schärfen, wo es Optimierungspotentiale gibt und wo Braunau ansetzen kann.
Im Mittelpunkt stehen die Alltagsbedürfnisse der „Schwächeren“, die sich nicht einfach Dienstleistungen für Pflege, Kinderbetreuung, Mobilität etc. kaufen können; die keinen eigenen Garten haben, sondern auf gute öffentliche Angebote für Freizeit, Versorgung, Betreuungsinfrastruktur, Mobilität etc. angewiesen sind. Menschen, die sich kein Auto leisten können oder wollen. Menschen, die nicht Autofahren dürfen und können (Kinder, Sehbehinderte, Hochbetagte) oder wollen (weil sie nachhaltig leben wollen.
Ein Blick auf die aktuelle Arbeitsteilung in den Familien macht auch deutlich, dass die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung noch längst nicht überwunden ist; 95% der Alleinerziehenden in Braunau sind Frauen (Statistik Austria 2001), Familienarbeit ist noch immer in hohem Maße Frauenarbeit. Die „Genderbrille aufsetzen“ ist hier noch immer nötig: Obwohl Teilzeitarbeit in hohem Maße von Frauen in Anspruch genommen wird, liegt die durchschnittliche Wochenarbeitszeit der Männer (Erwerbsarbeit + Familienarbeit + Vereinsarbeit) im Schnitt um 12 Stunden unter jener der Frauen (Mikrozensus 2006).